Reisediarrhö

Reisediarrhö – eine unerwünschte Reisebegleitung

 

Die Freude ist groß, wenn es heißt „Ab in den Urlaub“. Doch bei etwa jedem dritten Rei­senden in tropische und subtropische Länder ist das Vergnügen nach kurzer Zeit durch eine Durchfallerkrankung getrübt1. Die Reisediarrhö wird meistens von Erregern wie Bak­terien, Viren oder Parasiten ausgelöst und verläuft überwiegend harmlos. In seltenen Fäl­len kann es auch zu schweren Gesundheitsschäden kommen. Während leichte Durchfälle ohne eine spezifische Therapie von selbst wieder aufhören, sollte bei chronischen Diar­rhöen, die länger als 4 Wochen andauern, sowie bei blutigen Durchfällen und/oder Fieber ein Arzt aufgesucht werden.

 

Krankheitsbild

Von der Infektion bis zum Auftreten der ersten Symptome vergehen wenige Stunden bis wenige Tage. Entsprechend setzt die Reisediarrhö bei den meisten Patienten am 4. bis 14. Reisetag ein. Nach 3 bis 5 Tagen klingen die Beschwerden üblicherweise von selbst wieder ab. In diesen Fällen sind die Betroffenen nur leicht erkrankt und fühlen mehr oder weniger stark eingeschränkt, die Erholung ist jedoch auf jeden Fall stark beeinträchtigt. Chronisch wird der Durchfall, wenn er länger als 4 Wochen andauert. Daher wird der Arzt meist nach der Rückreise im Heimatland aufge­sucht.

Auf Reisen kann der Darm kräftig durcheinandergeraten. Die dort lebenden Bakterien be­finden sich normalerweise in einem Gleichgewicht, das im Urlaubsland durch die Auf­nahme von fremden Bakterien gestört wird. Auch die üblichen Stuhlgewohnheiten ändern sich, weil meistens der Tagesablauf anders ist als zu Hause. Ist der Stuhl sehr weich bis wässrig und muss dreimal oder öfter am Tag entleert werden, handelt es sich um eine Diarrhö. In etwa 10 Prozent der Fälle kann Blut im Stuhl gefunden werden. Oftmals geht der Durchfall einher mit Fieber, Bauchschmerzen, Blähungen, Übelkeit oder Erbrechen.

 

Ursachen

Ausgelöst wird die Reisediarrhö von den Giftstoffen verschiedener Bakterien, Viren und Parasiten. Das Gleichgewicht im Darm wird durch das Bakteriengift gestört, und es kommt zu einer aktiven Absonderung von bestimmten Salzen aus der Darmzelle in das Darminnere. Die Salze ziehen passiv Wasser mit sich, die Folge sind wässrige Durchfälle. Knapp die Hälfte aller Fälle von Reisediarrhö sind auf enterotoxische Escherichia coli, kurz ETEC, zurückzuführen. Abhängig vom Reiseziel wird die Reisediarrhö ausgelöst von ande­ren bakteriellen Erregern wie Campylobacter, Shigellen und Salmonellen. Zu den viralen Durchfallerregern zählen Rota- und Noroviren. Da sich die Symptome bei der Auslösung durch Bakterien oder Viren ähneln, ist es im Nachhinein häufig schwer, den Erreger zu identifizieren, was die Wahl der geeigneten Medikation erschwert.

Reisedurchfall kann verschiedene Ursachen haben: Ungewohnt scharfes oder fettiges Es­sen, Reisestress oder der Klimawechsel im Reiseland. Meist sind jedoch Krankheitserre­ger dafür verantwortlich, denn das Immunsystem von Europäern ist an hohe Hygiene­standards angepasst und reagiert entsprechend empfindlich auf unbekannte Keime. Ins­besondere Fernreisende sind dadurch anfälliger für Durchfall als Einheimische. Nicht alle Reiseziele bergen das gleiche Risiko. Als Hochrisikogebiete gelten Nordafrika, Süd- und Südost-Asien, Süd- und Zentral-Amerika sowie Mexiko. Weniger kritisch sind Länder in Südeuropa, Israel oder die Karibik. Auch die Art zu Reisen und die Unterbringung können einen Einfluss auf die Infektion haben. So erhöhen beispielsweise „All-Inclusive“-Unter­künfte, mit auf Buffets lange warmgehaltenen Speisen, das Risiko, an einer Diarrhö zu erkranken. Individualtouristen sind zudem gefährdeter als Badeurlauber, die die meiste Zeit in ihrer Hotelanlage verbringen.

 

Vorbeugung

Die WHO-Empfehlung „Peel it, boil it, cook it or forget it”, also “schäl’ es, gare es, koch es oder vergiss es“ bringt die wirksamste Vorsorge vor Reisediarrhö auf den Punkt. In Ländern mit niedrigen Hygienestandards sollte man grundsätzlich vermeiden, Wasser aus der Leitung zu trinken. Stattdessen empfiehlt sich abgefülltes und versiegeltes Trinkwas­ser, auch zum Zähneputzen. Speisen sollten stets durchgegart oder gekocht sein. Rohe Lebensmittel, Milchprodukte, Speiseeis und Salat sollten in Risikoländern gemieden und Obst und Gemüse vor dem Verzehr geschält werden. Eine weitere Gefahr lauert in Eis­würfeln, denn das dafür verwendete Wasser stammt meistens direkt aus der Leitung. Also auch hier gilt: Finger weg. Selbst Gewürze und Soßen, die auf dem Tisch stehen, be­herbergen oftmals krankheitserregende Keime.

 

Therapie

Auf einen anderen Wirkmechanismus setzt ein darmselektives Antibiotikum. Anders als Antibiotika, die sich auf den gesamten Körper auswirken, entfaltet ein darmselektives Antibiotikum seine Wirkung nur dort, wo es gebraucht wird – im Darm. Nicht zuletzt aufgrund dieses lokalen Wirkungsbereichs ist eine Behandlung mit einem darmselektiven Antibiotikum besonders nebenwirkungs­arm. Wie eine Studie belegt, ist das Antibiotikum wirksamer als das Antidiarrhoikum Loperamid.2 Vor dem Aufenthalt in einem Risikogebiet kann ein Besuch beim Hausarzt und die damit verbundene Verschreibung von darmselektivem Antibiotikum dazu beitragen, der uner­wünschten Reisebegleitung Reisediarrhö vorzubeugen.

Bei leichtem Reisedurchfall empfiehlt es sich, dem Körper mit Hilfe von gut verdaulichen Getränken ausreichend Wasser und Salze zuzuführen. Ein Kräutertee mit Zucker oder eine heiße Brühe helfen, den Flüssigkeits- und Mineralhaushalt wieder ins Lot zu bringen. Eine Alternative sind vorgefertigte Pulverpräparate aus der Apotheke, kurz ORL (orale Rehydratationslösung) genannt. Sie sorgen dafür, dass dem Körper wieder in ausreichen­der Menge Elektrolyte (Mineralien) zugeführt werden. Bei schweren Durchfällen mit star­kem Wasserverlust, oder wenn über einen längeren Zeitraum kein Toilettengang möglich ist (etwa bei langen Busreisen), können Antidiarrhoika helfen. Sie verlangsamen die Wei­terleitung des Darminhalts im Dünndarm, wodurch ein längerer Kontakt mit der Darm­schleimhaut entsteht und mehr Flüssigkeit und Elektrolyte aus dem Darm aufgenommen werden können. Da diese Medikamente die Darmtätigkeit hemmen, können sie jedoch auch die Heilung verzögern. Der Durchfall ist für die Betroffenen zwar unangenehm, aber er entfernt auch die Krankheitserreger möglichst schnell aus dem Körper.

 

 

1 Ratgeber für Patienten: Infektiöse Durchfallerkrankungen: https://www.gastro-liga.de/download/Infektioese-Durchfall- WEB.pdf.
2 DuPont HL et al. Clin Gastroenterol Hepatol 2007; 5: 451-6.